Fair Trade. Nur fair ? … oder sogar: geil!

P1120852.JPG

Peru at its best:  Royal Knit

Der mehr als bekannte Werbespruch … Sie wissen schon, der mit dem Geiz … hat Generationen von einkaufenden Menschen bis heute geprägt und am Ende dazu genötigt, sich in ihrem Einkaufsverhalten stets am augenscheinlich billigsten Produkt auszurichten. Die entsprechenden „Gehirnwindungen“ in denen eine solche Ausrichtung zuverlässig verknüpft ist, konnten – nicht zuletzt durch die Forschungen von Prof. Gerald Hüther – nachgewiesen und anschaulich erläutert werden. Fair Trade, also eine Orientierung, die sich auf vollständige Kreisläufe – vom Erstimpuls beim „Urheber“ bis zum Tod des Produktes – bezieht, stützt sich zwar schon auf Aktivitäten von „Dritte Weltläden“ der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, konnte sich bis heute aber nur sporadisch in das alltägliche Konsumverhalten der westlichen Länder Europas einfügen. Die meisten Käufer, die Fair Trade als Begriff kennen, bringen ihn mit Kaffee, Bananen oder Kakao in Verbindung. Spezielle Geschäfte, die Produkte aus „fairem Handel“ exklusiv angeboten haben, rangieren in ihrem Image meist als Mix aus „Öko-Fundi-Bio-Touri-Hippie“ – Shop und werden nur von spezifisch ausgerichteten Kunden betreten.
Es ist nicht die erste Einrichtungsmesse und nicht die erste Ambiente, auf der sich der Fachbesucher davon überzeugen kann, dass ein sehr, sehr reichhaltiges Warenangebot aus Ländern präsentiert wird, die gemeinhin als Länder der „Dritten Welt“ deklariert werden. Wo diese beginnt und wo sie endet, diese dritte Welt,  … das ist eine zunehmend spannender werdende Frage, die für unsere Zukunft – als Bewohner dieses Planeten – neue Antworten finden muss. 

Eine Messe, wie die in Frankfurt/M. traditionell angesiedelte Ambiente empfängt ein weltweites Publikum, Aussteller aus ca. 100 verschiedenen Ländern präsentieren ihre Produkte und hoffen, mit den einkaufsstarken und Konsum freudigen Besuchern ins Geschäft zu kommen. Eine Themen orientierte Vorgabe sorgt in der Umsetzung dann auch für eine Hallenplanung, die bestimmte Schwerpunkte optisch in Erscheinung treten lässt. So geht der aufmerksame Besucher durch viele Gänge, an denen sich rechts und links Anbieter aufreihen, die entweder durch eher schüchtern wirkende Einzelvertreter, oder durch meist männlich dominierte „Clans“ repräsentiert werden. Kann man sich vorstellen, dass die Besitzerin einer Einrichtungsboutique aus Amorbach im Odenwald die Initiative ergreifen und in diese Welt eintreten wird, um sich das Warensortiment näher bringen zu lassen? Ein kurzer Blick des Flanierenden streift die in den dicht besiedelten Regalen aufgestellten Gegenstände und dann tut man das, was man sonst auch immer tut: man geht weiter. Auf beiden Seiten dürften häufiger auch die Sprachkenntnisse nicht ausreichen, um aus dieser kleinen Chance der Begegnung tatsächlich etwas werden zu lassen, das beiden Parteien zum Wohle gereicht.

Wenn Stecker und Steckdose nicht zusammen finden, fliesst eben keine Strom.

Aus Sicht der Anbieter ist die Messeteilnahme ein extrem teures Unterfangen, das auch als „Kooperation“ nicht einfach zu verdauen ist, wenn sich keine zumindest Kosten deckenden Geschäfte anschliessen. Alles andere, als ein Geschehen, das unbeachtet bleiben sollte. Und genau da setzt die Initiative „fair trade finest“ aus den Niederlanden an. Als ehemalige Kolonialmacht liegt es holländischen Händlern, die auch im Einrichtungsbereich nach wie vor eine starke Position einnehmen, vielleicht etwas näher, als anderen, zu erkennen, welche enormen Chancen bisher durch das geschilderte „Nicht-Kontakten“ verloren gegangen sind. Fair Trade Finest ist eine Initiative des CBI (Ministry of Foreign Affairs NL) und der ‘Landelijke Vereniging van Wereldwinkels’ (LVWW) in Kooperation mit der World Fair Trade Organisation (WFTO). Unter dem Motto: Join us and open up the mainstream market for fair trade (Machen Sie mit und öffnen Sie den Markt für Fair Trade) haben Anbieter bzw. Hersteller die Möglichkeit, sich für ein mehrjähriges Programm zu bewerben, während dessen Teilnahme sie etwas über die europäischen Märkte und Lebensweisen, den Bedarf dieser Märkte und ihre Besonderheiten, Qualitäts- und Geschmacksaspekte erfahren können. In der Folge erhalten sie aktives Coaching, ihre Produkte/Sortimente nach den gewonnenen Erkenntnissen auszurichten und Schritt für Schritt in eine geeignete Vermarktungspipeline zu kommen.

P1110412.JPG

Kleinserienprodukte auf dem Weg, den europäischen Geschmack zu treffen

Liesbeth van ´t Ende von Wereldwinkel erläutert – mit ihren Kollegen direkt auf der Ambiente am eigenen Stand vertreten – wie in einem zweiten Schritt unter denjenigen, die sich erstmals für die Programmteilnahme beworben haben, eine Auswahl stattfand, um ein möglichst gutes „Mix“ zu erhalten. Die Teilnehmer sind nun seit einem guten Jahr im Programm und haben mittlerweile Gelegenheit gehabt, einen typischen Haushalt in den Niederlanden kennen zu lernen. „Sie waren geschockt“, sagt van ´t Ende, „… sie hatten zuvor gar keine Vorstellung davon, wie beispielsweise eine Küche bei uns aussieht und welche Gegenstände hier verwendet werden.“ Der Weg begleitende und systematische Ansatz von fair trade finest wird nicht ohne entsprechende Wirkung bleiben und vielleicht lassen sich auch andere Gruppen animieren, über ähnliche Verknüpfungsoffensiven nachzudenken.

Ein Beispiel für einen Anbieter, der es aus eigener Kraft geschafft hat, sich einen international bereits wahrgenommenen Namen aufzubauen, kommt aus Peru/Lima und tritt unter dem Markennamen „Royal Knit“ auf. Auf der Ambiente stand uns Gabriela Lopez als Gesprächspartnerin zur Verfügung, die zusammen mit ihrer Schwester Mariela die Familie und alle, die im weitesten Sinne dazu gehören, repräsentieren. Eine tolle Geschichte geht dem voraus: Die Eltern, Cutipa Benita und Sebástian López haben als freiwillige Lehrer im Auftrag der katholischen Hilfsorganisation Caritas in den 70er Jahren ihre Arbeit rund um den Titicaca See aufgenommen, in dem sie die Landbevölkerung vor Ort unterstützten. Es galt, alte Kulturtechniken zu bewahren und zu sichern, denn – bis heute – ist die Gefahr vorhanden, dass mit den sich verändernden Lebensumständen Wissen verloren geht, das an die Weitergabe von Mensch zu Mensch gebunden ist. Zunächst konzentrierte sich dies auf Webtechniken und das Herstellen von Kleidung, mehr und mehr erweiterte sich das Spektrum. Royal Knit beschäftigt heute als Firma 35 Festangestellte Mitarbeiter und versorgt weitere 400 mit Arbeit, die unter „Fair Play-Bedingungen“ angesiedelt ist.
Die verarbeiteten Materialien, so sagt, Gabriela, sind wie Haare zu behandeln, … ja, sagt sie, es sind Haare und sie lächelt dabei mit den Augen in einer Weise, dass man sich von ihrer inneren Begeisterung angesteckt fühlt.

P1120854.JPG

Mariela & Gabriela Lopez von ROAYAL KNIT S.A.C. – Lima, Perú

Spätestens nach diesem Gespräch dämmert mir – als jemandem der mit den europäischen Gepflogenheiten der westlichen Länder verwoben ist – dass das „Fair“ gerade für uns eine ganz andere Bedeutung bekommt, als dies unserem bisherigen Verständnis entsprochen hat. Die im Titelbild verwendeten Baby-Schuhe sind aus Alpaka-Haar und handgestrickt. Dem Baby, das sie tragen wird, haben seine Eltern ein besonderes Geschenk gemacht, denn sie haben sich nicht an der Devise „GEIZ“ ist geil orientiert. Sie haben auf etwas gesetzt, das ein in vielerlei Weise lebendiges Produkt darstellt und nicht auf ein anonym und unter mehr als fragwürdigen Bedingungen „zusammengedonnertes potenzielles Wegschmeißprodukt“, an dem nur Negatives haftet.

Etwas Neues beginnt. WERTschätzung greift um sich.

Die Ausrichtung auf das Visuelle und auf das Quantitative waren die Treiber einer Entwicklung, die „Geiz ist geil“ erst ermöglicht haben. Am Ende stellt es sich als Betrug heraus, der Käufer hat sein Geld für etwas weggegeben, das nur vortäuscht, ein guter Kauf zu sein. Um eine ausgewogene Kaufentscheidung treffen zu können, muss man entweder das entsprechende Wissen haben, oder sich zumindest auf seine eigenen Bedürfnisse und Wahrnehmungen stützen können. Natürlich werden – um bei dem Beispiel zu bleiben – die Babyschuhe mehr kosten, als ein „Geiz-Produkt“. Die Frage aber ist: wo liegt der höhere Nutzen und wie fühlt sich dieser heute, morgen … übermorgen an … und was macht es mit dem Baby?

P1120856.JPG

Zartes Gewebe … ein Hauch von Überwurf mit optimaler Klimaregulierung

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s