Wer hätte damit noch gerechnet: Waschbeton voraus!

Fernab von Petticoats und Elvis Presley, aber in Anlehnung und unter Zuhilfenahme dänischer Revivals der späten 50er und vor allem der 60er Jahre des nunmehr doch allmählich hinter uns liegenden Jahrhunderts bricht es durch: alles, was Architektur und Wohnstil dieser Zeitspanne in Europa ausgemacht hat, drängt nun in unser Zuhause. Hemmungslos und ungeniert, manchmal so wenig durch aktuelle Elemente, Dessins, Farben und Materialien verändert, dass für den Betrachter im ersten Moment Zweifel aufkommen kann: „echt“ oder „neu“?

Auf der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Einrichtungsmesse IMM Cologne quollen dem Besucher Elemente der Inneneinrichtung in einer Ähnlichkeit entgegen, die offenbar wenig Rücksicht darauf nehmen wollte, ob diese Intensität ab einem bestimmten Punkt vielleicht doch nicht einfach zu viel und zu verwechselbar sein würde. Wie verabredet, konnte das wirken, obwohl wir das sicher nicht unterstellen brauchen. Natürlich lechzt ein Messebesucher – besonders der ambitionierte – nach Neuigkeiten und möchte auf einer Einrichtungsmesse Entdeckungen machen, die ihn emotinal packen und begeistern. An der Fülle der Angebote liegt es nicht, wenn der Besucher des diesjährigen Wohndesign Get-together trotzdem den Eindruck gewinnen konnte, dass etwas richtig Neues, das für Jahre Ton angebend sein würde, nicht in der Luft zu liegen scheint.

Natürlich gibt es etwas von der einen oder anderen Innovation zu berichten, da und dort wurden neue Lösungen gezeigt oder auch einmal ein Hit platziert, der durchaus das Potenzial hat, „massenkompatibel“ zu sein. Das trifft für eine Sache zu, die schon lange bekannt ist, aber nicht in dieser Gestalt. Unter dem Stichwort „Strandkorb“ hat sich ein Bild verankert, das nur wenige Fragezeichen zuläßt. Nun gibt es eine alpine Form, die ihren eigenen Charm versprüht – innen und außen einsetzbar, jedenfalls bestens geeignet, um für Groß und Klein eine stimmungsvolle Rückzugsmöglichkeit darzustellen: der Alpenkorb.

Das haptische Erlebnis beim Anfassen eines Alpenkorbes sorgt – zumindest für diejenigen, die wissen, wie sich echtes, altes und wettergegebtes Holz anfühlt, für Vertrautheit. Die Ausstattung kann individuell gewählt und durchaus auch von einer Note Luxus bestimmt werden, … oder einfach nur das Gefühl eines Mini-Zuhauses geben. Ein Produkt, wie der Alpenkorb, kann eigentlich keine Schwierigkeiten haben, Freunde fürs Leben zu finden.
Interiors on Stage – Das Haus ist seit 2012 Teil des Messeprogrammes und gibt internationalen Designern die Möglichkeit, Wohnen nach ihren Intensionen und Vorstellungen zu präsentieren. Im Jahr 2013 hatte diese Aufgabe Luca Nichetto realisiert. In „seinem“ Zuhause tauchten erstmalig viele Elemente auf, die – so oder ähnlich, in Abweichungen oder Modifizierungen – mittlerweile eine intensive Präsenz auf sehr, sehr vielen Messeständen haben. Es mag durchaus den meisten Messebesuchern gar nicht bewusst sein, wie sehr Nichetto die Referenzadresse für das aktuelle Arrangement ist, das die Leichtigkeit und Modernität eines eher mediterranen – bevorzugt italienischen – Einrichtungsstils darstellt, der in den späten 50ern und den 60ern Jahren wurzelt und der leicht und modern daher kommt, aber niemals kühl und elitär (http://news.imm-cologne.de/2012/09/das-haus-luca-nichetto/).

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Inszenierung Luca Nichetto 2013

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Die aktuelle Inszenierung „Das Haus 2016“ wurde von Sebastian Herkner entwickelt und realisiert. Er hat sich für eine Rundversion mit offenem Innenhof-Arrangement entschieden und genau da … liegt er: der Waschbeton.

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Sebastian Herkners Inszenierung „Das Haus“ 2016 (siehe auch Titelbild)

Daran gewöhnt, angesichts derartigen Bodenbelages tapfer darüber hinweg zu sehen, ist der Besucher des von Herkner gestalteten Hauses versucht, für den Bruchteil einer Sekunde irritiert und gleichermaßen verblüfft, seinen Fluchtgewohnheiten Einhalt gebieten zu müssen. Nur um dann festzustellen: na ja, ganz so unerträglich ist er ja eigentlich gar nicht, der Waschbeton! Wir werden sicher alle Gelegenheit haben, den weiteren Verlauf seines Geschicks beobachten zu können. Man könnte aber fast wetten, dass das Befürfnis nach einer robusten, naturnah erscheinenden und sich rasch einfügenden Oberfläche, die ja so praktisch ist, seinem Wiederaufleben tatsächlich „auf die Beine hilft“. (Wer sich für „Sebastian Herkners Haus“ interessiert, dem hilft dieser Link weiter: http://news.imm-cologne.de/2015/07/das-haus-2016-sebastian-herkner-setzt-ein-zeichen-der-offenheit/ )

Spannend sind immer wieder die „kleinen“ Entdeckungen, die es schaffen, den Messebesucher sofort für sich einzunehmen und deren Anblick den Adrenalin und Oxytocin-Spiegel zu erhöhen vermögen. Zu diesen Entdeckungen gehört der Liberty Chair des portuguiesichen Designers Joáo Bessa Marques, der unter dem Label BESSA – New Antique Design einen ziemlichen Aufwand betreibt, um Exquisites entstehen zu lassen. Das, was derzeit so im Vordergrund steht – das „alte“ mit dem „modernen“ so zu verbinden, dass man nicht mehr so richtig weiss, ob es denn nun alt oder neu ist, das gelingt BESSA mit dem Liberty Chair ganz besonders gut:  https://www.youtube.com/watch?v=T4AXJ21GCEc&feature=youtu.be

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Liberty Chair von BESSA

Keine Frage, die Zeiten riesiger Möbel liegen hinter uns, moderne Lebensweisen verlangen, dass sich auch Interieur blitzschnell anpassen und variieren läßt. Eher, wie zufällig zusammengestellt, leicht und luftig, mit Farben und Oberflächen versehen, die keinen eigenen Anspruch ähnlicher der einer Diva haben. Die Zeiten sind ruppig, da ist es den meisten Menschen wichtig, sich schnell und unkompliziert wohl zu fühlen. Das schliesst einen Standortwechsel genauso ein, wie das Verändern der Anzahl der Bewohner eines Zuhauses.

Stellvertretend für die ansehnliche Anzahl etablierter Anbieter möchten wir zwei heraus greifen, die den modernen Lebensgewohnheiten auf unterschiedliche Weise begegnen. Zum einen ist das LEOLUX, deren eigener „House Artist“ Olaf Hajek eine ganz eigenwillige Handschrift hat, die Natur ins Haus zu holen. Die Messeinszenierung schafft es, Rückzugsinseln zu präsentieren, die fast einen Touch ins Mystische haben.

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Für einen ganz anderen Ansatz der Auseinandersetzung hat sich das Haus Cassina entschieden.  In konsequenter Art und Weise nimmt es Bezug auf einen Entwurf des Architekten Gerrit Rietveld aus dem Jahr 1955 und demonstriert dadurch, wie „modern“ und transparent man vor mittlerweile 60 Jahren (!) bereits wohnen konnte.

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(C) Bild-u. Textrechte PPM AG, Idstein 2016 http://www.ppm-ag.com

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