Wohnen mit „Schminke“

Home Staging – Achtung hier wird aufgebrezelt

Sich selbst in einen für ein Gegenüber optisch interessanten Zustand zu versetzen, das ist nicht nur eine Frauensache für die, die das Gefühl haben: der „erste Lack ist ab“. Nein, auch junge Frauen und – zunehmend Männer – betrachten es als selbstverständlich, alles daran zu setzen, einen Top-Eindruck ihres äußeren Erscheinungsbildes zu hinterlassen. Viele orientieren sich an der Bilderflut der Medien, die stets neue Impulse in kürzerer Zeit setzen, für noch mehr, … noch größer/kleinere … noch bessere … noch erfolgreichere … tja, was eigentlich?! Getrieben von einem hektischen Grundrhythmus bleibt nicht sehr oft die Gelegenheit, sich mit der eigenen Persönlichkeit so zu beschäftigen, dass man über sich selbst und seine Möglichkeiten wirklich gut Bescheid weiß. Die Befürchtung, nicht zu gefallen – selbst einem Gegenüber, dem man bei nur etwas näherer Betrachtung gar keine Aufmerksamkeit schenken möchte – dominiert. Und es fehlt regelmäßig auch an einem Feedback, das ehrlich, kompetent und konstruktiv genug wäre, die Grundlinien heraus zu kitzeln, die – unabhängig von jeder Modeströmung – für eine bestimmte Person nicht verlassen werden sollten. Jede Fußgängerzone ist gespickt von „Unfällen“, die zwar eindeutig den Beleg für die Modeaffinität der/des Träger(s)IN liefern, gleichzeitig aber auch ihre/seine Hilflosigkeit, der eigenen Persönlichkeit eine angemessene Unterstützung zukommen zu lassen, damit auch der alltägliche Auftritt ein tatsächlich optimaler sein kann.

Labels … sollen es richten. Tun sie aber nicht! Und sie können es auch gar nicht, das ist eine überhöhte Erwartung. Natürlich gibt es „Labelkundige“, die sofort in der Lage sind, bei der Trägerin einer Kelly-Bag ein Preisetikett zu erkennen, obwohl dieses nicht tatsächlich zu sehen ist. Sie taxieren das Outfit ihres Gegenübers in Sekunden und entsprechend löst es bei ihnen eine interessierte oder abwehrende Haltung aus, je nachdem, wie ihre Rechnung ausgefallen ist. Solange man auf diese Art und Weise auf Augenhöhe bleibt, mag das ein vergnügliches Spiel sein. Dient dieses Abchecken aber lediglich der Einschätzung vermeintlicher materieller Potenz der Beteiligten, bleibt allzu häufig alles andere, was eine Person ausmachen kann, gänzlich unberücksichtigt. Und das bleibt dann selbst in den Fällen für eine Weile so, in denen eine derart zustande gekommene Beziehung zwischen den Beteiligten, aufrecht erhalten wird. Bis man eines Tages entdeckt: das, was man hinter dem Label vermutet hatte, ist gar nicht vorhanden …! Trennung. Weiter …

Soweit das Spiel mit dem ersten Eindruck zwischen vorrangig „urban people“, Menschen, die dicht gedrängt mit anderen leben und auch aus diesen Gründen – vielleicht eher unbewusst – stets nach Möglichkeiten suchen, zwei Dinge zu signalisieren: ich bin BESONDERS und ich bin VORN mit dabei. Was aber haben solche und ähnliche Verhaltensweisen mit einem Zuhause bzw. dem Thema Wohnen zu tun?

Da hat es in der Tat in den letzten Jahren einen enormen Sprung gegeben: Labels spielen mittlerweile auch im Wohnbereich eine zunehmend größere Rolle. Schnelle Wechsel in der Einschätzung, wie man wohnen „muss“, wie es aussehen sollte, wenn man modern und hip wohnt und was Style bedeutet, hat in der Zwischenzeit einen derart hohen Stellenwert eingenommen, dass die substantielle Beurteilung einer Immobilie dagegen auf eine Randposition zu rutschen droht. Wir sprechen nicht von Deko-Artikeln, mit denen man im Verlauf des Jahreskalenders sein Zuhause stimmungsvoll gestaltet. Wir sprechen tatsächlich vom Kauf von Immobilien in nahezu allen Preisklassen – Häuser und Eigentumswohnungen, die sich an modischen Kriterien messen lassen müssen. Für nur wenige Käufer ist es wichtig, was der Energieausweis über die Immobilie auszusagen im Stande ist, ja viele Käufer zeigen sich schnell ungeduldig und gelangweilt, sich mit derartigen Themen konfrontiert zu sehen. Befinden sich in der – offenen (!) – Küche aber die richtigen Labels an den Geräten und natürlich auch dem Side-by-side-Kühlschrank, dann kann man da als Käufer schon über viele andere Aspekte locker hinweg sehen.

Ja, natürlich ist jeder berechtigt, Entscheidungen zu treffen, die sich auf die Dauer längerfristig für ihn materiell auch ungünstig darstellen können. Im Zusammenhang mit Immobilien ist das aber in einem Rahmen angesiedelt, die den Fehlkauf eines Kleidungsstücks um ein Tausendfaches übertreffen können.

Das Titelbild und das hier folgende zeigen denselben Raum. Der Unterschied der beiden Fotos: das Titelbild zeigt den Raum in „aufgebrezelter“ Form, das untere zeigt ihn „pur“.

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… die Ausgangssituation zu oben

Aus vornehmlich USA und Schweden importiert, beginnt sich auch in Deutschland zunehmend eine Dienstleistung zu etablieren, die allgemein als  Home Staging bezeichnet wird. Eine zum Verkauf stehende Immobilie wird „auf die Bühne gebracht“, herausgeputzt und im besten Licht gezeigt. Diese Dienstleistung wird nicht nur bei Häusern und Wohnungen eingesetzt, die schon älter und eben nicht mehr modisch sind, sondern durchaus auch bei uniformen Neubauten, die sich als völlig gesichts- und konturenlos darstellen können und schnell austauschbar wirken. Hinzu kommt der Aspekt, dass immer mehr Kaufwillige von sich selbst sagen, sie könnten Räume in Hinblick auf Größe, Ausrichtung, Nutzbarkeit und eben auch Gestaltung ganz schlecht einschätzen. Und: besonders attraktiv wirken leere Zimmer auf keinem Foto – gleich, wie modern oder unmodern eine Immobilie ist.

Abhängig vom Selbstverständnis des Home Staging Anbieters beinhaltet die Dienstleistung sowohl das Aus- und Aufräumen, De-Personalisieren (alles allzu Persönliche der Bewohner wird entfernt), das Schaffen einer verkaufsfreundlichen Atmosphäre durch eine geeignete Möblierung und auch das Anfertigen entsprechenden Bildmaterials (Fotos und Videos). Einige wenige sind bereit, auch kleinere Reparaturen und Renovierungen durchzuführen bzw. zu beauftragen. Für den Auftraggeber – in der Regel der bisherige Eigentümer der Immobilie – ist es wichtig, sich vor Auftragserteilung davon zu überzeugen, ob der Home Stager ein individuelles und der Vermarktung wirklich dienliches Konzept ausarbeiten kann, oder ob es sich mehr um einen Ansatz wie: „Das wird immer sehr gerne genommen …“ handelt.

Kein Zweifel: immer mehr Immobilien, für die kein attraktives Bildmaterial besteht, fallen von vornherein bei den Suchenden durch, entsprechend langweilig wirkende Angebote werden eben nicht angeklickt oder sehr schnell wieder weggeklickt. Auch hier ist alles „Klickrate“ … nur dass es sich eben nicht um eine Kaufentscheidung a la On-line-kaufen handelt und es nicht um ein paar Schuhe geht, die man bei Nichtgefallen kommentar- und folgenlos wieder zurück schicken kann.

Während Home Staging Dienstleister häufig das Argument nutzen, eine „ge-stagte“ Immobilie sei für einen maximalen Preis zu verkaufen, wird dabei gerne außer Acht gelassen, dass der Beweis für diese Aussage im Bereich des „Fühlens“ liegt, aber nicht wirklich beweisbar ist. Es leuchtet ein, dass sich Käufer, die nun seit mehreren Generationen zunehmend auf visuelle Wahrnehmung trainiert sind und sich an „modischen Ansagen“ orientieren, nicht lange mit einem ihnen entsprechend unattraktiv erscheinenden Angebot aufhalten wollen. Das Verkaufen über die Kleinanzeige soll zwar immer noch gelegentlich erfolgreich sein, aber auch hierzu gibt es kein belastbares Zahlenmaterial.

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Fototapete im Wohnzimmer mit Alltagsmöbeln aus verschiedenen Moden

Sollte man sich als Immobilienkäufer von aufgebrezelten Angeboten mit schönen Fotos fernhalten und lieber die Aschenbrödel auskramen? Nein, so absolut lässt sich das nicht handhaben.

Bevor man sich der Gefahr des „Shoppens“ hingibt – manche Suchende sind Jahre unterwegs und kommen über den ersten Besichtigungstermin einer Immobilie einfach nicht hinaus – lohnt es sich schon, erst einmal eine Einkaufsliste zu machen und zwar BEVOR man seine Suche beginnt. Suchen zwei Personen, sollte jeder seine eigene Liste erstellen und im Abgleich kann es durchaus Überraschungen geben, weil sich herausstellt, dass die zuvor angenommene Einigkeit dann doch gar nicht so deckungsgleich ist, wie man dachte.

Priorität sollte der Aspekt haben: gehen wir davon aus, dass wir die Immobilie für den Rest unseres Lebens behalten – wollen und auch können, kaufen wir also ganz für uns alleine, oder: halten wir es für möglich, dass wir die Immobilie auch wieder verkaufen. An dieser Stelle wird sehr rasch und zwingend deutlich, dass Kriterien, die gerade modisch sind, schon in wenigen Jahren dies nicht mehr sein können, da Moden rasch wechseln. Das betrifft sowohl den Baustil, als auch Aspekte wie Grundrisse, Fenster, Fußbodenbeläge, Bad- u. Küchenausstattung. Es wäre ein  zusätzliches Investment – oder ein überdurchschnittlicher Preisnachlass (bis hin zur Unverkäuflichkeit) nötig, um die modischen Relikte der Phase(n) zu „überwinden“, die zum Zeitpunkt des Wiederverkaufs eben ein Handicap darstellen. Hinzu kommen alle Kosten, die durch eine normale Alterung der Immobilie zu kompensieren sind, denn auch Bausubstanz-Themen (beispielsweise Dämmung, Heizung, Baumaterial) kommen heute schneller in die Jahre, als je zuvor.

Muss man sich dann für völlig langweilig erscheinende Angebote interessieren, um kein zusätzliches Risiko einzugehen? Nein, das ist gar nicht erforderlich. Sie sollten sich bei Ihrer Suche nur nicht von allzu oberflächlich positionierten und aufgesetzten Dekos täuschen lassen. Dass ein Bodenbelag nicht mehr „in“ ist – wie auf dem Bild oben zu sehen, ist nicht tragisch, denn es gibt heute fantastische neue Materialien, die dünn auftragen, optimal für „Bestandsimmobilien“ (so heißen Gebrauchte im Fachjargon) geeignet sind und die sehr rasch dafür sorgen können, dass Sie damit wieder auf die Höhe der Zeit kommen. Ein gutes Home Staging ist eine Investition, die der Verkäufer macht, weil ihm selbst die Immobilie etwas wert ist und so gesehen, kann eine entsprechend vorbereitete Immobilie auch Ihnen als Suchenden helfen, die wichtigsten Kriterien einer speziellen Immobilie zu erkennen und wert zu schätzen.P1120176.JPG

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