Glück „At Home“ oder: Deko an die Front

Ambiente 2014

Rhein-Main ist Gastgeber für viele Messen. Die gerade stattgefundene Ambiente bezeichnet sich als weltweite Nummer 1 für Produkte rund um den gedeckten Tisch, Küche und Hausrat, Geschenk- und Dekorationsartikel sowie Wohnkonzepte und Einrichtungsaccessoires: 144.000 Fachbesucher aus 140 Ländern, mehr als 4700 Aussteller. Bezogen auf den privaten Konsum in Deutschland hat der private Einrichtungsbedarf mittlerweile eine Größenordnung von 40,4 Mrd. Euro jährlich erreicht (Zahlen aus 2012, ermittelt vom IFH-Institut für Handelsforschung im Auftrag der Messe Frankfurt). Das entspricht einem knappen Drittel des Umsatzes der Automobilindustrie im Vergleichszeitraum (Inland, 128 Mrd. Euro nach statista) und lässt erahnen, wie viel „Markt“ im Thema Wohnambiente tatsächlich steckt.
Bei diesen Größenordnungen darf man davon ausgehen, dass sich der Bedarf nach Dekorativem für das Aufrüsten der eigenen vier Wände nicht im Saisonalen (Ostern, Weihnachten etc.) erschöpft. Allerdings konnten wir keine Angaben recherchieren, die sich auf die Verweil- und Nutzungsdauer  von Gegenständen  beziehen, die zur persönlichen Ausgestaltung von Wohnungen und Häusern ausgewählt werden und vermutlich wurde auch noch nicht untersucht, ob und welchen Einfluss das Thema Nachhaltigkeit bereits auf den Interior-Bereich hat.
Unsere persönliche Beobachtung hat sich in den letzten Jahren dahingehend verfestigt, dass die Schnelligkeit, mit der Wohn-Moden wechseln, enorm zugenommen hat. (Das bezieht sich mittlerweile sogar auf die Werthaltigkeit von Immobilien und die schnell wechselnden Vorlieben modisch orientierter Kaufinteressenten, die ihr Interesse mehr und mehr auf den urbanen Raum richten.) Während beispielsweise noch auf der diesjährigen IMM in Köln durchaus überdimensionierte Leuchten (-schirme) häufiger zu sehen waren, sind diese auf der Ambiente kaum noch anzutreffen gewesen (ca. 1 Monat zeitlicher Abstand). Hingegen hat sich der Einrichtungsstil, den Luca Nichetto auf der IMM 2013 durch seine Version „Das Haus“ präsentierte (wir berichteten darüber im Beitrag Jan 2014), mittlerweile zu einer Art von Tsunami entwickelt. Um beim Beispiel Leuchten zu bleiben: diese sind nun klein, organisch geformt, geflochten bzw. Korb artig und hängen fast ausnahmslos in Gruppen. Wenn kein Pflanzen (-ähnliches) Material verarbeitet wurde, dann sprechen wir von Silber, Messing oder Kupfer, oft auch mit orientalischem Touch.
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Der trendorientierte und –suchende Besucher der Ambiente sah sich in diesem Jahr – mehr als in den letzten Jahren – vor die Frage gestellt: Wo ist denn nun die Grundströmung und in welche Richtung entwickelt sich der Wohngeschmack erkennbar, der uns in den nächsten Jahren begleiten wird? Die kurze Antwort lautet:
Everything goes! 
Die etwas präziser ausgebildete Antwort würde darauf verweisen, dass Trends, die man meint wahrzunehmen, sobald man sie etwas näher betrachtet, sich sofort mit anderen Trends vermischen  – sich vermischen lassen – und dadurch neu akzentuieren. Während unter einem Klassiker wie „Landhausstil“ eine weitgehend eindeutige Zuordnung von Wohnaccessoires vorgenommen werden kann, ist das bei dem aktuell präsentierten Angebot längst nicht mehr so klar. Natürlich gibt es nach wie vor zuverlässige Annäherungsmöglichkeiten, einen roten Faden in die Hand zu bekommen und damit die ersten Schritte zu absolvieren. Nehmen wir ein Thema wie Nordic/Danish, das scheint sicheres Terrain. Aber plötzlich gibt es jetzt dort riesige, farbige Poufs, gestrickt und in Formen, wie sie gerade auch für die oben beschriebenen Lampen IN sind. Diese Poufs passen natürlich auch zu ganz anderen Wohnstilen, und zwar völlig anderen. Die Frage ist: wie viel Nordic/Danish „nimmt man mit“ und ab wann handelt es sich einfach nur noch um ein Sammelsurium, das mehr Unruhe entstehen lässt, als es erträglich sein kann?
Das von der Messe Frankfurt beauftragte Stilbüro bora.herke.palmisano bietet durch vier jeweils voneinander abgegrenzte Erlebniswelten Hilfestellung, wie die überbordende Vielfalt segmentiert werden kann.
Eigenwillig: Stunning temper – fantasievoll und skurril
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Quelle: Bildarchiv Messe Frankfurt, Ambiente 2014
Erlesen: Subtle spirit – ästhetisch und harmonisch
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Quelle: Bildarchiv Messe Frankfurt, Ambiente 2014
Ursprünglich: Serene nature – natürlich, schlicht und unaufdringlich
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Quelle: Bildarchiv Messe Frankfurt, Ambiente 2014
Funktional: Striking mind – markant und eher geometrisch
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Quelle: Bildarchiv Messe Frankfurt, Ambiente 2014

Interessant ist, dass sich diese Trendbotschaften an ein internationales Publikum richten und keinesfalls lediglich auf den deutschen Käufer zugeschnitten sind. Wir haben bereits an anderer Stelle mehrfach kommentiert, dass auch zunehmend Immobilien ohne einen kulturell/regionalen Kontext gebaut werden, sondern weltweit unter der Kategorie MODERN rubrizieren. Vereinfacht könnte man sagen: eine Blue Jeans wird überall auf der Welt getragen und in welcher Form sie gerade angesagt ist, entscheiden die Mode Ikonen, die aktuell im Fokus stehen. Das Thema Wohnambiente scheint immer mehr ein modisches zu werden und dabei eben auch ein internationalisiertes.

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Ein weiterer Schlüssel, die aktuellen Wohntrends für eine nicht ganz so kurze Zeitspanne, zutreffend einzuschätzen, kann möglicherweise durch die Ergebnisse der im Auftrag der Messe Frankfurt durchgeführten Studie des IFH Instituts für Handelsforschung (erschienen zur Tendence 2013) genutzt werden. Hier wurde die unterschiedliche Orientierung von 20-30 jährigen und 50-60 jährigen in Hinblick auf das Thema persönliche Auswahl und Bedeutung von Wohnaccessoires untersucht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Jüngere zum Auf-u. Ausbau ihres Selbstwertgefühls durch Individualität und Funktionalität ihrer Einrichtung punkten wollen („Hauptsache es sieht gut aus und es hat nicht jeder.“), während die Älteren hochwertige und nachhaltige Produkte auswählen, um ihrem Bedürfnis nach innerer Zufriedenheit und Ausgeglichenheit entsprechen zu können („Neben der Familie das Wichtigste (das Wohnen, Anmerk. d. Red.) im Leben.“). Die Studie geht davon aus, dass die Bedeutung von Dekorations- und Einrichtungsartikeln weiter zunehmen wird und kommt abschliessend zu folgender Einschätzung: „Das eigene Zuhause wird erst durch die persönliche Dekoration gemütlich und wohnlich. Sie trägt damit einen entscheidenden Teil zum Abschalten vom stressigen Alltag und zur Entspannung bei.“ Das klingt nicht wirklich revolutionär, ja fast langweilig.

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Mach Dir Deine Welt, wie sie Dir gefällt
Alles begann einst in der Höhle, die uns vor grobem Unbill schützen musste. Das, was Unbill ist, hat sich in vielen Tausend Jahren schon etwas modifiziert, aber das Empfinden der Bewohner scheint nach wie vor sehr ähnlich zu sein. Eine moderne Vorstellung vom privaten Wohnen bildete sich übrigens erst Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich aus, als es bei denen, die es sich leisten konnten, schick wurde, bequem und für sich zu wohnen – im Gegensatz zu „repräsentativ und mit vielen zusammen“ (Adel). Der Sinn fürs Private und eine gewisse Intimität liess die Zimmer kleiner werden und die Funktion der Räume der heutigen vergleichbarer. Dieser völlig neue Wohntrend ging mit der Geburt der Kleinfamilie einher, die in der heutigen Zeit zu ca. 75 % aus 1-2 Personen pro „Privatsphäre-Einheit“ besteht. Wer sich vor Augen führt, dass das Recht auf Individualität im Grunde eine gute Sache ist, … der kann dann auch mit einem hoch individualisierten und rasch wechselnden Wohnstil keine Probleme haben. Vorausgesetzt: nicht die Labels diktieren, was darunter zu verstehen ist.

Hier können Sie uns im Nachhinein ein wenig über die Messe begleiten:

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